Barbara_Lang_demographischer_Wandel

Fachkräfte oder Nachfolger gesucht?

Demographische Überraschungen – Gastbeitrag von Dr. Barbara Lang

© Dr. Barbara Lang, Geschäftsführer www.joba-ag.com

Familienunternehmer und KMU, die heute Fachkräfte oder Nachfolger suchen, sehen sich einem überraschend neuen Markt von Arbeitskräften gegenüber – mit einer gnadenlosen Demographie:

 

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Die KfW betitelt ihre Studie aus 2013 „Demographiefalle Deutschland“:  das Rennen gegen die Zeit hat begonnen. Unternehmen verlieren in der nächsten Dekade mehr Mitarbeiter als je zuvor in der Geschichte. Geburtenstarke Jahrgänge entschwinden in die Rente; Nachwuchs ist knapp. Die Welt titelte am 28.12.2014: „Deutsche Firmen taumeln ins Demografie-Desaster.“

Die Schweiz hat die Zeichen der Zeit erkannt und die „Fachkräfte-Initiative“ ausgerufen – man will in Ganztagsschulen investieren, in Infrastruktur zur Kinderbetreuung, damit man das wenig genutzte Potential gut ausgebildeter Frauen besser zur Verfügung stellen kann. Denn die Schweiz rangiert in der OECD unter denen, die die Erwerbskraft der Hälfte ihrer Bevölkerung so wenig nutzen wie wenige.

Das konnte man sich früher leisten. Es gab einen intakten Arbeitsmarkt mit einer ausreichenden Zahl verfügbarer qualifizierter Arbeitskräfte. Das ändert sich. Wir betreten historisches Neuland.

Der Fachkräftemangel kostet bereits heute Milliardenumsätze.  In Deutschland präsentieren sich Politiker und Gewerkschaften als „Fachkräfte-Partner“ und sehen Potential in Zuwanderung, Asylanten, Langzeitarbeitslosen, Geringqualifizierten, und in der Erhöhung der Erwerbstätigenquote von Frauen.

Die Wirtschaft sieht das pragmatischer

Der Faktor Zeit und der Faktor Größenordnung sind inzwischen kritisch. Zu lange hat man die Tragweite dessen nicht verstanden, was sich unaufhaltsam auf Wirtschaft und Gesellschaft zu wälzt.

Wo findet man heute geeignete Fachkräfte und Nachfolger? Wie positioniert man das eigene Unternehmen attraktiv im knappen Fachkräfte-Arbeitsmarkt? Was muss man tun, um Arbeitskräfte im Hause optimal zu entwickeln, um im Wettbewerb mitzuhalten?

Wer hat das Hauptproblem?  Denken wir an Fachkräftemangel, denken wir an Ingenieure. Doch  der Strukturwandel  zur Wissensökonomie bringt Überraschungen. Der Dienstleistungssektor beschäftigt mehr als Dreiviertel der Erwerbstätigen. Wer hier Fachkräfte und Nachfolger sucht, hat überraschend neue Statistiken vor sich.

 

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Besonders deutlich ist das im Bereich Gesundheit, der bereits heute über 75%  Frauen beschäftigt. Wir nehmen das nicht wahr, denn Leiter von Klinik und Verwaltung sowie Chefärzte sind zu über 90% Männer.

Der überraschend neue Fachkräftemangel

Branchen mit hohem Frauenanteil haben das höchste Potential.  Unternehmen, die ihre neue demographische Realität nicht im Blick haben, verlieren ihre Mitarbeiter. In der Medizin haben vor allem im süddeutschen Raum viele Kliniken die „Familienfreundlichkeit“ ausgerufen. Dort hat man früher hochqualifizierte Ärzte an die Schweiz mit ihren hohen Gehältern verloren. Heute bleiben die Ärzte in Deutschland –Die Zeiten sind vorbei, wo hochqualifizierte Menschen ihre Lebensqualität auf dem Altar der Karriere opfern und sich antiquierten Strukturen beugen. Häusern, die weniger innovativ sind, laufen die Mitarbeiter weg. Entsprechend neu ist das Profil des Fachkräftemangels:

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Quelle: Fachkräfteengpassbericht Bundesanstalt für Arbeit, Dez. 2014

Die Mehrheit der Hochqualifizierten wird in der Generation Y nicht mehr von den Männern gestellt:

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OECD und IMF kommen zu dem Schlusse:  wollen Deutschland und die Schweiz die demographische Klippe meistern, müssen sie die Frauen aus der Reserve locken. Frau Dr. Hausfrau ist eine Verschwendung von Humankapital, das sich diese reichen Länder im Angesicht der demographischen Krise nicht mehr leisten können, zumal die Frauen in diesen beiden Ländern seit den 1970er Jahren rekordtiefe Geburtenraten haben – und das, obwohl sie wenig Karriere machen.

“Länder wie Deutschland, Japan und Korea müssen annähernd Geschlechtsparität in der Arbeitsmarktpartizipation erreichen … besonderes Potential liegt in Deutschland, wo mehr als 30% Frauen Teilzeit arbeiten (OECD, 2012a)”

Wo sind die Männer bei den Hochqualifizierten?

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Quelle: NZZ Oktober 2012 – Anteil der Frauen an Hochschulabgängern in der Schweiz.

Wer Nachfolger und Fachkräfte sucht, wird überrascht:  Männer stellen bei Hochschulabgängern in allen Fächern außer exakte Wissenschaften und Engineering  die Minderheit – auch in der Berufsmatur. Buben sind häufiger ohne Schulabschluss als Mädchen. Ziehen sich die hochqualifizierten Frauen binnen weniger Berufsjahre  zurück, weil das Thema  Familie/Beruf nicht entschärft wird, verschärfen sie den Fachkräftemangel. Und hier kommt noch ein neues Thema:  „Elder Care“- betagte Angehörige – kommt mit dem demographischen Wandel auf Erwerbstätige und  Arbeitgeber zu.

Werte haben sich geändert,  Strukturen nicht

Vor allem aufgrund des Mediendrucks verstärken viele Firmen „Gender-Programme“. Doch diese haben nicht die erwartete Wirkung erzielt. Sie helfen Frauen nicht wirklich und demotivieren Männer. Es ist nachhaltiger, in innovative und flexible Arbeitsstrukturen zu investieren. Work-Life Balance ist ein Thema, das alle Mitarbeitenden wünschen – es ist kein Frauenthema.

Wie sieht Innovation aus?

Bei Google können alle Mitarbeiter 20% ihrer Arbeitszeit am Ort ihrer Wahl verbringen – denn Work-Life Balance ist kein Frauenthema. Freiheit im Handlungsspielraum, Freiheit in der Entscheidung über den eigenen Zeiteinsatz – das sind große Hebel aus der Forschung zu „High Performance Companies“.

Antiquierte Strukturen gefährden Produktivität und  Attraktivität ganzer Branchen – das ist am Beispiel Medizin sichtbar. Wo Arbeitsmodelle und Zeitsysteme flexibilisiert werden und Positionen bis hin zu Führungspositionen aufgeteilt werden, verzeichnet man hervorragende Ergebnisse.

 Produktivität und „Präsentismus”

Körperliche Präsenz ist in der Dienstleistung und vor allem bei „Wissensarbeitern“ kein Garant für Spitzenleistung. Im Gegenteil. Die jährlichen Gallup-Studien zeigen Produktivitätskiller Nummer Eins „Präsentismus“:  mehr als 60% der Mitarbeiter sind anwesend, bringen aber nur Bruchteile der Leistung:  sie können nicht, sie dürfen nicht – oder sie wollen nicht.

Viele Firmen nutzen daher neue Technologien: viele Jobs enthalten Teile, die nicht am Bürostuhl  erledigt werden müssen. Flexible Zeitmodelle und Job-Sharing ermöglichen das Abarbeiten von emails oder Planung und Reporting, wo und wann es am besten passt: Die Qualität der Arbeit und die Zufriedenheit steigen.

Notwendigkeit einer beschleunigten Entwicklung

Firmen haben nicht mehr den Luxus, Programme aufzusetzen und dann Monate oder Jahre auf Effekte zu warten. Das Zeitfenster für Experimente wird kleiner. Sie müssen schon während der Projektlaufzeit wissen, ob Maßnahmen  Wirkung zeigen. Intelligente Tools wie die von www.joba-ag.com helfen, die Wirkung von Investitionen in das Humankapital in Echtzeit zu steuern.

 

Dr. Barbara Lang is CEO of joba AG “Corporate Health Made in Switzerland”. The former IBM Manager and management consultant is working with companies to improve their  „Corporate Health” with  tools to develop a corporate culture  that allows people to be their best.

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